Die Erstbegehung des Leichenfundortes

Das Telefon klingelt, jetzt, so spät, wer mag das sein?Leichenfundreinigung-Tatortreinigung

Junghans, guten Abend, kurze Stille, ist da die Reinigungsfirma? Ich habe ein Problem, können sie schnell kommen?

Nach kurzem Gespräch und Adressenaustausch weiß ich um was es geht. Es ist jemand verstorben, der Bruder meiner Kundin. Die Nachbarn ihres Bruders haben sie angerufen, im Treppenhaus würde es bestialisch riechen. Es kommt aus der Wohnung des Bruders. Darauf hin hat sie die Tür vom Schlüsseldienst öffnen lassen. Die Polizei war schon vor Ort, nun riecht das ganze Treppenhaus und 1000 Fliegen kamen heraus. Die Kundin ist am Boden zerstört.

Ich verabschiede mich zu Hause und setzte mich ins Auto. Eine Stunde Fahrt und ich stehe vor dem Haus. Ein Plattenbau, na prima denke ich! Von weitem sehe ich schon eine Frau, etwa 60 Jahre, sehr gepflegt und dennoch total zerwühlt, zerstreut und einfach fertig. Sie müssen der Herr Junghans sein, sagte sie zu mir mit zittriger Stimme. Ich sagte ja, der bin ich. Wir gingen ohne viel Umschweife ins Haus, oh Gott dachte ich, das kann ja was werden.

Das gesamte Treppenhaus ist schon von einem satten, süßlichen Geruch gefüllt, es brummt überall, große schwarze Fliegen an den Fenstern, an den Wänden, an der Decke, einfach überall. Da kommen uns schon die ersten Mieter entgegen. Sie halten sich Taschentücher vor die Nase, die Augen rot und ständig der Gesichtsausdruck als würden sie sich gleich Übergeben. An der Wohnungstür im 2.OG angekommen ringen wir erst mal nach Luft, wenn man das überhaupt noch Luft nennen kann. Ich stehe vor der Tür und mir kommt es vor, als stehe ich vor einer Bombe, die zum zerplatzen voll ist. Es riecht wirklich extrem.

Beim Gespräch mit der Schwester des Verstorbenen ziehe ich meine Schutzkleidung an. Oh sehr schlecht, sie kann sich nicht mehr an die genaue Raumaufteilung erinnern. Sie war vor ca. 10 Jahren das letzte mal in der Wohnung ihres Bruders. Er hat selbst sie nicht mehr hereingelassen. Die beiden hatten schon Kontakt, jedoch haben sie sich immer bei Ihr, in der Stadt oder im Urlaub getroffen. Er war ein immer gut gekleideter Mann sagt sie, mit guten Umgangsformen. Er war ein Charmeur wie man so schön sagt. Trotzdem lebte er sehr zurückgezogen. Etwas wie ein Einsiedler und hatte keinen Kontakt zu den Mitbewohnern.

Nach dem ich die Tür öffnete und hineinging, schloss ich sie schnellstmöglich wider hinter mir um den Fliegen keine Möglichkeit zur Flucht zu geben. Es war stockdunkel und unheimlich heiß. Der Griff nach dem Lichtschalter brachte auch nicht den erhofften Erfolg. Ich nahm meine Taschenlampe und leuchtete den Flur entlang, bewege mich Richtung Schlafzimmer. Immer wieder bekomme ich Spinnweben ins Gesicht, wie hat hier eigentlich jemand gewohnt. Er muss doch gekrochen sein, alles vollen Spinnweben und diese Hitze.

Im Schlafzimmer angekommen entdecke ich den Ursprung des Geruches. Der Bruder unserer Auftraggeberin ist im Bett verstorben. Das ganze Bettlaken, die Decken, die Matratze und selbst die Bettteile sind mit einer dickflüssigen Masse überzogen und völlig durchdrängt. Ich gehe zum Heizkörper. Na toll, auf fünf. Schnell drehe ich ihn ab und hätte es bald nicht geschafft, weil das gesamte Thermostat voller Öl ist. Total rutschig. Unter dem Bett sind große Pfützen voller angetrockneter Körperflüssigkeiten und Exkrementen.

Der Bettvorleger, was? Der Bettvorleger er bewegt sich, kann das sein? Er ist völlig aufgeweicht, ca. 3 cm stark. Oh nein, der Bettvorleger ist voller Maden. Es sieht aus als wenn er kriecht. Alles wimmelt und überall schwarze Speckkäfer. Sie rennen um ihr Leben. Ich schlage die Bettdecke zur Seite, tausende Maden und Käfer. Ich lege die Decke zurück, darum kümmere ich mich später. Immer wieder fliegen mir dicke, fette Brummer gegen die Maske. Sie sind wie in Trance. Sie fliegen völlig unkontrolliert gegen die Wände und gegen die Schränke.

Meine Blicke schweifen durchs Schlafzimmer und ich erkenne die typischen Anzeichen. Im gesamten Zimmer ist ein wachsartiger Überzug zu sehen. Gelbliche Ablagerungen an Fenstern, Türen, Wände und Mobiliar. Es ist sehr rutschig. Die ausgetretenen Körperflüssigkeiten und Fette haben sich überall abgesetzt. Dies nennt man auch Leichengift. Das gesamte Schlafzimmer gleicht einer Müllhalde und überall tausende von Fliegen. Es brummt unaufhörlich.

In der Mitte des Zimmers angekommen hebe ich vorsichtig meine Maske etwas an um etwas von der Stärke des Geruches mitzubekommen. Ohne Worte. Schnell schließe ich den Zwischenraum wieder. Das wird nichts, hier gibt’s Arbeit.

Langsam gehe ich zurück zur Eingangstür und öffne sie, einen Tross Fliegen in Gepäck. Die Schwester des Verstorbenen sieht mich an wie wenn ich vom Mond komme, hält aber augenblicklich ihr Taschentuch vor die Nase und das Gesicht beginnt sich zu verfinstern. Vorsichtig streife ich meine Schutzausrüstung ab und verpacke ihn in einen Müllbeutel, mir laufen Schweißperlen am ganzen Körper herunter. Ich war gerade mal 5 Minuten im Objekt und schon total verschwitzt und ich stinke nach Verwesung. Trotz meines Schutzanzuges haben sich die Verwesungsgerüche tief in meine Kleidung eingefressen. Da muss ich jetzt durch. Ich bin ja gleich an der frischen Luft und darauf freue ich mich.

Meine Auftraggeberin hält etwas Abstand von mir. Ich merke wie sie nach Luft ringt. Uns umschließt eine süßliche Wolke. Mit Klebeband versiegle ich sämtliche Türspalten und selbst das Schlüsselloch um möglichst wenig Gerüche nach Außen dringen zu lassen. Im Anschluss zeige ich ihr auf meiner Kamera einige Bilder der Wohnung. Sie ist fassungslos und schämt sich. Sie kann es nicht glauben und fängt an zu weinen. Sie sagt es war doch mein Bruder.

An Hand von gefundenen Zeitungen und nach Aussage der Polizei lag der Verstorbene ungefähr einen Monat in der Wohnung bevor Mitbewohner durch den starken Geruch aufmerksam wurden. Schnell werden wir uns über die Vorgehensweise und einzelnen Arbeitsschritte der Leichefundortreinigung einig. Sie gibt mir den Schlüssel und wir verabschieden uns vor der Haustür. Ich soll bitte schnellstmöglich anfangen. Sie will einen Schlussstrich unter die Sache ziehen. Ihr fliesen wieder einige Tränen übers Gesicht, die sie gekonnt mit einem Jackenärmel wegwischt.

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